Über Rainer Nummer

Bildgebäude

von Roland Nachtigäller / Marta Herford

Wenn man sich ohne Vorwissen den Zeichnungen, Malereien und Kollagen von Rainer Nummer widmet, entdeckt man dennoch rasch, wie sie den Betrachtenden in unbekannt Räume, durch stille Kammern und über erahnte Grundrisse führen, die sich dem analytischen Blick aber immer wieder auch entziehen. Dieser Eindruck wird noch einmal bestätigt, wenn zusätzlich einige seiner Skulpturen in den Blick treten, die mit ähnlich armen, oft gefundenen Materialien Architekturen zitieren und assoziieren, deren Funktionalität und innere Konstruktion dem Auge zumeist verschlossen bleiben.

Vor allem die gewählten Materialien, wie Wellpappe, Zeitungspapier, Holzstücke, Kreide oder Zeichenkohle unterstreichen den vorsichtig tastenden Charakter von Nummers Werken, die sich oft mit zarten Andeutungen, notizähnlichen Bleistiftspuren und zeichenhaften Signalen zu einem fast wie vorläufig erscheinenden Ganzen zusammenfinden. Das Bild als Baustelle – wenn man diesen Gedanken nicht als Ausdruck eines latenten Scheiterns nimmt, sondern als Beschreibung eines engagierten, fragenden Arbeitsprozesses, bei dem die Konstruktion des Werks als offener Dialog seiner Elemente sichtbar bleibt, dann kommt man dem fragilen Gefüge von Rainer Nummers Arbeiten schon sehr nahe.

Sie entwickeln sich in der Regel innerhalb einer geschlossenen, klar begrenzten Farbigkeit, die auf dem Gelbbraun der gefundenen Papier- und Pappmaterialien basiert und über weiße Kreide und Acrylfarbe einen oft schrundigen Grund aufbaut.

Dieser dient den mal zarten Bleistiftnotaten, mal kräftigeren Kohlelinien als bisweilen auch durchscheinender Boden, sodass sich das „Bildgebäude“ zwischen Fundstück und Neuschöpfung langsam in Schichten entwickelt. Immer wieder tauchen Rechtecke auf, zweidimensionale Raumgrenzen, die etwas zu umfassen scheinen und zugleich höchst instabil und vorläufig dar stehen. Manchmal wird sogar direkt an das Bildformat angebaut, so als wüchsen dem Arbeitsraum neue Nebenkammern. Freie Linien und assoziative Formen nähern wiederum sich oft von außerhalb diesen architektonischen Elementen, wie herum irrende mögliche Bewohner, zeichnerische Freigeister, die zugleich Schutz suchen und Unabhängigkeit postulieren.

Wenn Rainer Nummer in diese fragilen Bildkonstruktionen dann mit kräftiger schwarzer Farbe interveniert, so zerbricht das bisweilen Geborgenheit versprechende Gefüge zur offenen Ruine, zu einer Verletzlichkeit, die den Betrachter auf sich selbst zurückwirft. Mal sehen die schwarzen Flächenelemente wie Brüche und Abrisse aus, mal wie die darüber gelegten Fußspuren oder dunkle Abgründe zwischen den Verfugungen. Dann wieder hört man die hellen Laute ausgeschnittener Buchstaben, rufende Textfragmente, trifft auf helle Holzstücke, die zugleich das zweidimensionale Bild in den Raum erheben und zur Skulptur hinführen. Gerade, weil Vieles von dem, was Rainer Nummer verarbeitet, ein Schattendasein als Verbrauchs- oder verbrauchtes Material führt, treten seine Bilder und Skulpturen nicht als selbstbewusste, strahlende Kunstobjekte dem Betrachter entgegen. Sie bleiben immer mehr eine Frage als eine Behauptung, suchen den Blick und Gedankenkontakt mit dem Gegenüber und eröffnen individuelle Räume, die ein ästhetisches Aufgehobensein zugleich versprechen und verweigern.